31. Wie das blühende Leben

Nun hatte ich also das Chronic Fatique Syndrom und ich merkte, dass die verlorengegangene physische und psychische Belastbarkeit längst nicht das Einzigste war was fehlte. Von meinen ganzen Symptomen habe ich bereits berichtet und die waren so mannigfaltig, dass die Erschöpfung noch das geringste Problem darstellte. Vor allem am Anfang, als ich noch ohne Behandlung war und ich nicht wusste, was welches Symptom zu bedeuten hatte, kam doch schnell Angst auf. Teilweise fühlte sich das Ganze so bedrohlich an, dass es mir heute noch graust, wenn ich daran zurück denke.

Allerdings konnte ich ein Symptom nicht aufweisen: dass man mir äußerlich ansah, was in mir für ein Chaos herrschte. Außer dass ich blass war und für mein Empfinden einen gelblicheren Teint hatte als „normal“ war an mir äußerlich nichts zu mäkeln. Nach der Klinik nahm ich ja auch wieder zu und ich fühlte mich nicht mehr so dünn wie ein Kleiderständer. Und wie oft musste ich diesen Satz hören:

„Mensch, Du siehst doch aus wie das blühende Leben!“

Begleitet von einem zweifelnden Blick, ob ich vielleicht doch etwas zu wehleidig war. Das schmerzte dann manchmal zusätzlich. Wenn einmal Besuch da war konnte ich mich schon mal eine Stunde zusammenreißen. Aber wenn dieser Besuch wieder ging bekam dieser eben nicht mit, dass für mich danach der Tag gelaufen war und ich mich erstmal ausruhen musste. Und das nicht nur wegen der bloßen Erschöpfung sondern auch, um zu verhindern, dass sich die Symptome wieder wie von Geisterhand vervielfachten. Nach einem Besuch hatte ich meist mehr Schwindel, einen heißen Kopf oder gar Kopfschmerzen und Übelkeit, starken Durst oder einen eigenartig ausgetrockneten Mund. Und ja, natürlich die Erschöpfung. Dieses Gefühl sich jetzt unbedingt in Ruhe irgendwohin zurück ziehen zu müssen, damit das System nicht ganz kollabiert.

Aber ich sah für die anderen aus wie das blühende Leben.

Wären richtig gesunde Menschen mit rosa Wangen und lebendiger Gesichtsfarbe in unserer Gesellschaft öfter anzutreffen, wäre es sicher aufgefallen. Aber ich sehe kaum noch gesunde Menschen auf der Straße. Inzwischen hatte ich viel über TCM-Diagnostik gelernt und wusste, dass die Blässe in den meißten Gesichtern eben nicht gesund und „normal“ war. Nur weil alle so aussehen heißt es nicht es ist normal. Ich sehe sogar Kinder auf der Straße, die sind leichenblass. Wo sind die rosa Bäckchen geblieben, die vor Neugier und Lebensenergie nur so sprühenden wachen Augen? Ich kann es schon bei den Kindern nicht mehr sehen. Von den Erwachsenen, deren Mundwinkel schwere Steine zu schleppen scheinen, ganz zu schweigen.

Wo gibt es noch jemanden, der wirklich aussieht wie das blühende Leben???

Aber mangelndes Verständnis und Zweifel am Kranksein durch so manchen Mitmenschen gehört zum CFS dazu. Noch ein „Symptom“…

Ich wollte mich nicht mehr herunterziehen lassen von irgendwelchen Beurteilungen anderer Menschen. Ich beschloss mir mein eigenes Bild zu schaffen, wie es aussehen würde, wenn ich wirklich wie das blühende Leben aussehen würde. Braungebrannt, leicht rosa Wangen, straffe Haut ohne Müdigkeitsfalten unter den Augen. Ich wollte wieder aufrecht stehen wie eine Königin, wollte mich kräftig und gesund fühlen. Das war mein Ziel und davon war ich zu diesem Zeitpunkt weit entfernt. Aber den Unterschied würde ICH sehen und dann könnte ich wirklich zu mir selbst sagen:

DU SIEHST AUS WIE DAS BLÜHENDE LEBEN!

Somit stellte ich mir immer wieder täglich mehrmals bildlich vor, wie meine eigene Vorstellung von mir selbst war, wenn ich so aussehen würde. Ein schönes Bild. Ich verinnerlichte es immer mehr und erfreute mich an der puren Vorstellung.

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