3. Der Tag X

Meine Arbeit als Orchestermusikerin genoss ich sehr. Ich hatte sehr nette Kollegen gefunden, nachdem ich in anderen Berufsorchestern doch auch teilweise sehr negative Erfahrungen gemacht hatte was den Zusammenhalt und das soziale Miteinander anbelangte. So hatte ich jetzt nie das Gefühl irgendeiner Art Stress ausgesetzt zu sein. Ich liebte es auch bei der Arbeit das ein oder andere Scherzchen zu machen und meine Kollegen zum Lachen zu bringen. Das Einzige, was mich an anderen Menschen manchmal zur Frustration trieb war, wenn sie unreflektiert und unsensibel miteinander umgingen. Es gibt diese ICH-mache-alles-richtig-Menschen. Und mit denen hatte ich so meine Probleme. Ich versuchte die meist doch sehr penetrante Ausstrahlung solcher Menschen an mir abprallen zu lassen aber das ist eine große Lernaufgabe. Ich tröstete mich damit, dass nicht nur ich mit diesem Menschenschlag Probleme hatte. Mir half dann sehr wenn ich mich nur auf meine und unsere Musik konzentrierte.

Ich vergleiche gern das Musizieren im Orchester wie das Schwimmen im tosenden Meer. Je nach der Qualität des Dirigenten ist entweder ruhige See oder überschäumende Brandung… Wenn ich vom Musiklärm meines Orchesters umgeben war, fühlte ich mich berauscht. Wozu Kokain wenns Alpensinfonie von Richard Strauß gibt? Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese emotionale Berührung für mich ebenso groß wäre, würde ich im Publikum sitzen. Nein, mitten drin im Geschehen und meine Geigentöne mit einwerfend, das war schon echt ein genialer Job, den ich da bereits seit 12 Jahren ausübte. Leider befand sich mein Orchester nicht in meiner Heimatstadt und ich fuhr ein bis zwei Mal in der Woche zwischen den Städten drei Stunden hin und her. An meinem Arbeitsort hatte ich eine niedliche kleine Wohnung für mich allein, die ich auch gern „Puppenstube“ nannte. Dort fühlte ich mich sehr wohl. Damit hatte ich mir ein kleines zweites zu Hause geschaffen. Der einzige Nachteil war, dass ich in meiner Freizeit immer das Gefühl hatte eben nicht wirklich zu Hause zu sein und die Zweisamkeit mit meinem Mann zu verpassen. Manchmal wusste ich nicht so richtig wohin mit meiner Zeit in der Ferne. Und wenn ich öfter hin und hergefahren bin, um eben nichts zu verpassen und einmal wieder richtig zu Hause zu sein, wurde das auch schnell anstrengend. Trotzdem genoss ich meine Arbeit in diesem Orchester sehr und war dankbar, dass ich hier so eine nette Gemeinschaft gefunden hatte für die sich aller Aufwand lohnte.

 

26.10.2014  ca. 19:58 Uhr

An einem Sonntag kam mein Mann mit ins Konzert. Es war zwei Wochen nach meinem Kurzurlaub in Warnemünde. Ich hatte meinen latenten Infekt der sich immer noch in einer trocken-verstopften Nase und Schlappheit äußerte noch nicht losbekommen. Im langsamen zweiten Satz des Klavierkonzertes, was wir an diesem Abend spielten, merkte ich auf einmal, dass mir schwarz vor Augen wurde. Ich atmete ein paar Mal tief durch in der Hoffnung, dass sich das schnell wieder verflüchtigte. Mein Nacken fühlte sich auf einmal eiskalt an und ich hatte das Gefühl jeden Moment vom Stuhl zu kippen. Ich schleppte mich so leise ich konnte von der Bühne und schlich aus dem Konzertsaal. Hinter der Bühne kamen gleich die Orchesterwarte und halfen mir. Völlig außer Atem rang ich nach Luft und hatte neben den Kreislaufproblemen mit einem Mal einen riesigen Durst. In der Konzertpause kam dann mein Mann, der sich sehr erschrocken hatte, als er mich hinausgehen sah. Ich fühlte mich seltsam schwach, meine Beine zitterten und ich fühlte mich völlig unterkühlt. Auf einer kleinen Liege im Sanitätsraum des Konzertsaales versuchte ich mich zu erholen und wieder zu einer normalen Atemfrequenz zu kommen. Ich trank mindestens vier Gläser Wasser. Als sich im Liegen ein Erholungseffekt nicht so richtig einstellen wollte hatte ich das Bedürfnis einfach hinaus an die frische Luft zu gehen und ein bisschen zu laufen. An diesem Konzert würde ich jedenfalls nicht mehr weiter teilnehmen können, das stand fest. Mit eiskalten Händen packte ich meine Geige ein, zog meine Konzertsachen aus und meine Zivilkleidung an und fuhr mit meinem Mann nach Hause. Ich fühlte mich seltsam. Überdreht, schwach, außer Atem, durstig und ein eigenartiges Krankheitsgefühl legte sich über mich, wie ich es noch nie gespürt hatte.

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