35. Wieder zu Hause

Nach dem ich etwas resigniert den Heimweg angetreten hatte, weil ich schwächer aus der Klinik entlassen wurde, als ich hinkam, war ich froh wieder zu Hause zu sein. Mein zu Hause war immer noch die beste Klinik. Ich fühlte mich so entspannt und aufgehoben, dass ich mich hier am besten stärken konnte.

Am letzten Tag des Klinikaufenthaltes bekam ich wieder etwas Infektgefühl (vielleicht durch die Kraft der Vorfreude auf zu Hause, die mein Immunsystem ankurbelte) und ich bekam für die ersten fünf Tage zu Hause noch einen Zusatzdekokt der sich „Wind-Kälte“ nannte. Also ein paar Kräuter gegen Erkältung. Nach meiner Recherche war der wirklich richtig warm von der Wirkung und ich bekam innerhalb von Stunden deutlich mehr Kraft. Und nachts bewegte sich auf einmal mein Darm wieder. Ich konnte teilweise nicht schlafen, weil das so ungewohnt für mich war! Aber eigentlich ein herrliches Gefühl. Auch der Stuhlgang war super in der Zeit, was sonst immer noch ein unangenehmes Symptom war. Allerdings hatte der Zusatzdekokt enorme Nebenwirkungen in meinem Stimmungsbereich. Ich wurde wieder zur Furie, konnte mich mit Reizbarkeit kaum bremsen, ich erkannte mich selbst nicht mehr. Alles um mich herum schien feindlich. Zum Glück wusste ich, dass das eine Nebenwirkung der Kräuter war und so habe ich versucht meine Laune nicht an meinem Mann auszulassen, was mir aber in den fünf Tagen mit diesen Kräutern nicht gelang. Aber er konnte aufatmen, als die Dosis alle getrunken war. Wir konnten zwar zu Silvester einen riesigen Spaziergang machen, weil ich dadurch sehr viel Kraft hatte aber psychisch war das kein Zustand. So trank ich Anfang des neuen Jahres nur noch meinen Hauptdekokt, verlor täglich wieder spürbar an Kraft bis ich nach anderthalb Wochen vor Schwäche nicht mehr das Haus verlassen konnte. Die Stimmung war wieder deutlich besser. Doch irgendwie wich die Reizbarkeit der Resignation, dass es einfach nicht besser werden will. Und wieder war ich Anfang 2018 an die Wohnung gefesselt und schaffte nicht mal einen Spaziergang geschweige denn den Einkauf. Das war schon echt deprimierend, dieses ewige Auf und Ab. Ich hasste es inzwischen wie die Pest! Mein Befinden wurde so stark von den Kräutern beeinflusst, ich hatte immer mehr das Gefühl von einem Extrem zum anderen zu pendeln und in der Mitte lag eigentlich meine Lösung. Ich konnte diesem Gependel nur zu diesem Zeitpunkt noch nicht entfliehen und fühlte mich ausgeliefert. So telefonierte ich wieder mit meiner neuen Ambulanzärztin aus der letzten Klinik und die Rezeptur wurde umgestellt. Diese Ärztin war viel schweigsamer als mein Arzt aus der ersten Klinik und ich merkte, dass sie nicht daran interessiert war, dass ich mich einbrachte. So entschied ich mich einfach zu vertrauen und abzuwarten, was die Apotheke mir zuschickte. Jedes Mal war das eine Wundertüte…Ich beschäftigte mich immer weiter mit den Kräutern und wie sie auf den Körper wirkten. Grundlagenwerke zur chinesischen Medizin und Syndromlehre wurden von mir besorgt und Schritt für Schritt erlernt. Ich teilte mir mit dem Lernen meine Zeit sehr sorgsam ein. Aber irgendwie hatte ich das Bedürfnis noch viel mehr über die traditionelle chinesische Medizin zu erfahren und hatte Spaß daran, immer tiefer in die Materie einzutauchen. Immer besser konnte ich nachvollziehen, warum eine Rezeptur so oder so auf mich wirkte. Das wurde allmählich zum Problem, denn die Ambulanzärztin fragte keineswegs nach meinen Wünschen, so wie ich das vom vorherigen Arzt kannte. Und zunehmend wunderte ich mich über manche Kräuter in meiner Rezeptur. Ich hätte gern ein paar gegen andere ausgetauscht. Das war der Beginn einer neuen Richtung. Dringend hatte ich das Bedürfnis mich mit einzubringen und wollte auch verhindern, dass ich Kräuter weiterhin in der Rezeptur hatte, von denen ich überzeugt war, dass sie mir nicht gut taten. Aber zunächst unterband ich mein Bedürfnis mich mit einzubringen und trank die Überraschungs-Rezepturen meiner Ambulanzärztin weiter. Immerhin bekam ich Ende Januar davon wieder mehr Kraft. Ich hatte zwar noch viele unangenehme Symptome von Kopf bis Fuß aber mehr Kraft zu haben war für mich immer das Wichtigste. So beschloss ich mit meinem lieben Mann Anfang Februar einen Strandspaziergangsurlaub in Warnemünde zu buchen. Ich ließ mich durch meine größeren und kleineren Wehwehchen nicht mehr davon abhalten mich riesig darauf zu freuen. Auch Gedanken daran, ob ich das überhaupt schaffen konnte, wie ich die lange Fahrt überleben und ob ich dort genug Kraft haben würde, um überhaupt hinaus zu gehen, schob ich rigoros von mir. Ich wollte diesen Urlaub unbedingt und alles andere hatte sich unterzuordnen. Dadurch konnte ich meiner Vorfreude noch mehr Raum schaffen und das tat mir außerordentlich gut!

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