Noch in den ersten drei Jahren meiner Erkrankung versuchte ich – ehrgeizig, wie ich war – drei Mal eine Wiedereingliederung in meinen „alten“ Job als Geigerin im Orchester. Das hieß über ein paar Wochen wurde die Stundenzahl individuell vereinbart und weiter gesteigert. Ich hielt damals nicht eine Woche durch und musste den krampfhaften Versuch normal sein zu wollen wieder aufgeben.
Heute, soviel Zeit danach muss ich darüber schmunzeln. Die Zeit damals war sehr hart, keine Frage. Aber damals hatte ich so viele Fragen für mich noch nicht geklärt, ich tappte eigentlich noch völlig im Dunkeln, warum, wieso, weshalb ich krank war und was meinen Zustand positiv bzw. negativ beeinflusste. Das konnte nur schiefgehen. Nach der dritten missglückten Wiedereingliederung war mir dann klar, dass es so nicht funktioniert. Ich musste erst wirklich RICHTIG gesund sein, bevor ich dieses Pensum schaffen könnte. Wahrscheinlich brauchte ich aber diese schmerzlichen Erfahrungen, damit ich den wirklichen Zustand meiner Gesundheit endlich wirklich in seiner nackten Wahrheit begreife. Ich versuchte damals die Wiedereingliederungen sobald es mir ein bisschen besser ging. Ja! Nur besser, nie gut! Und ich bildete mir ein, ich könnte weiter genesen während ich normal arbeiten ging. Was für eine Verblendung!!!
Jetzt im Jahr 2025 schaue ich zurück. All diese Jahre bis heute sind für mich Wiedereingliederung. Alles Erfahrungen, die mir langsam ermöglichen das so stark eingeprägte Trauma des Über-Mich-Hereinbrechens der Erkrankung bzw. das Trauma der auszehrenden Lebensweise vorher, wieder zu heilen. Das dauert nicht Wochen, das dauert Jahre. JEDE noch so kleine Aktivität, die ich neu in mein Leben nach der Erkrankung wieder integrieren wollte brauchte mentale Vorbereitung, wodurch ich die Stressreaktion meines Körpers erstmal minimiert habe. Das brauchte Zeit und Arbeit, bevor ich die entsprechende Aktivität zum ersten Mal überhaupt wieder ausprobieren konnte. So war ich die Jahre damit beschäftigt, mir meinen Aktivitätsradius Schritt für Schritt zurückzuerobern. Mein Toleranzfenster von Stressreaktionen von Seiten meines Körpers sanft Millimeter für Millimeter zu vergrößern. Solch eine Wiedereingliederung gibt es von offizieller Seite nicht…Denn ein ZuSchnell bedeutet bei dieser Erkrankung sofort ein Zurück.
Im Laufe der letzten Jahre sind die Dinge, die ich wieder integrieren wollte immer größer geworden. Was am Anfang noch die Erweiterung des täglichen Spaziergangs war oder das erstmalige wieder selbst einkaufen im Supermarkt, war später u.a. das Sport treiben oder Wandern über mehrere Stunden, wieder Spielen im Orchester. Auch das Beruhigen meines Nervensystems in Notsituationen anderer Menschen. Da durfte ich noch einige Prüfungen durchlaufen, wo der Beweis von mir eingefordert wurde, dass ich jetzt wirklich für mich einstehe. Das gelang mal besser mal schlechter im jeweiligen Moment. Danach konnte ich mich durch meine Gesundheitswerkzeuge immer wieder selbst stabilisieren und aufpeppeln. Das dauerte dann nicht mehr Wochen, sondern nur Stunden oder höchstens drei Tage. Bei wirklichen Extremsituationen, bei denen sogar Gesunde zu kämpfen hätten, kamen nochmal einige Gefühle und Erinnerungen an die Krankheitszeit sehr stark hoch. Lange Zeit war für mich noch die Angst vorhanden, die Krankheit könne zurückkommen. In solchen extremen Momenten kam diese Angst noch einmal sehr präsent daher.
Ich wusste dadurch, dass das Nervensystem gerade frisch verheilt war. Eine Narbe, die noch sehr sichtbar war und erstmal empfindlich blieb, wenn man sie berührte. Aber im achtsamen „Schongang“ in einer anderen Lebensgeschwindigkeit, wie scheinbar normal, führte ich immer mehr ein gesünderes, symptomfreieres Leben.
Für mich stellt sich die Frage, wenn ich den Gesundheitszustand der Gesellschaft so anschaue: Welche Lebensgeschwindigkeit denn „NORMAL“ ist. Normal ist ja nur das, was am meisten vorherrscht. Also der NORM entspricht. Mich beschlich das Gefühl, dass es wichtig war nun eine neue Norm zu erschaffen & vorzuleben, um aus der Körper auszehrenden Lebensweise herauszufinden, um Gesundheit und Heilung überhaupt erst wieder möglich zu machen. Von da an war mir klar, dass wir unsere Lebensgeschwindigkeit alle drosseln dürfen, wenn wir von unseren Körpern lange Zeit reichlich mit Lebensenergie und Gesundheit beschenkt werden wollen.
